Angedacht

Liebe Leserin,

lieber Leser,

 

Mitte November spätestens ist es so weit: Es kribbelt in meinen Fingern, denn das neue Kirchenjahr steht bald vor der Tür und es wird Zeit, die „Weihnachtskiste“ hervorzuholen. Das Deko-Fieber hat mich gepackt? Nein. Es ist eher die lieb gewordene Erinnerung: Jedes einzelne Stück in dieser Kiste erzählt eine Geschichte, erinnert an Begegnungen, Lebensabschnitte. Da sind die alten Zinnanhänger, die von den Zinngießversuchen mit meinem Vater erzählen; oder die goldene Nuss, Relikt meiner mühsamen Bastelversuche in der Grundschule; oder das Nussmännchen aus meiner Kindheit, das vom gemeinsamen Weihnachtsbaumschmücken in meiner Kindheit kündet; oder der Strohstern, den noch meine Oma gemacht hat. Aber das Kostbarste sind mir fünf silberfarbige Fröbelsterne.

 

Ein Verwandter hatte sie nach dem Krieg gebastelt, aus den Tüten der Kartoffelbreiflocken. (Trotz einiger Versuche gelang es mir nie, die Folie so akkurat zuzuschneiden, dass nur annähernd solche Sterne herauskamen!). Sie erinnern mich an eine Zeit, die ich persönlich nie erlebt habe: an Hunger und Armut, an eine Zeit, wo man sich etwas einfallen lassen musste, „zaubern“ musste, um das Leben zu gestalten. Eine Zeit, die näher an der Armut des weihnachtlichen Stalles war als die meine.

 

Die Sterne hatten bei meiner Mutter ihren Platz auf der weihnachtlichen Festtafel. Dieses Jahr lege ich sie auf meinen Wohnzimmertisch. So manches Mal, wenn ich sie ansehe, steigt ein Seufzer in mir auf – ach, die Welt ist nicht so ruhig und friedvoll, wie ich sie wenigstens in den weihnachtlichen Tagen haben möchte. Wer dieses Jahr wohl an Kriegsschauplätzen Weihnachten feiern wird? Wer dieses Jahr so „zaubern“ muss, weil schlicht nichts da ist, um Weihnachten zu feiern? So schicke ich einen Gedanken

über meinen „Tellerrand“, hinaus über Plätzchen und Lebkuchen, Kerzen- und Tannenduft, in die Wirklichkeit dieser Welt … und unversehens treffen meine Augen auf den Blick des Kindes in der Krippe.

 

Seine Augen schauen mich ruhig an und scheinen „Eben!“ zu sagen. Ja, eben, darum bist du gekommen dass auch die Menschen in Not und Armut gesehen und angenommen sind und die Menschen, die in Wohlstand leben den Mut finden, die Augen zu öffnen für den Nächsten, den Bedürftigen. Eben darum bist du gekommen, alle einzuladen in die große Gemeinschaft, die schon längst begonnen hat und werden will. Und die vielleicht am Heilig Abend spürbar ist – vielleicht in unseren Gottesdiensten, an unseren Tafeln in unseren Familien oder auch bei Mahl nicht allein, der Heiligabend-Feier für alle, die nicht allein feiern mögen.

 

Wie werden Sie diese adventlichen und weihnachtlichen Wochen verbringen? Auch in leiser Erinnerung,

das eine oder andere „Stück“ liebevoll auspacken? Wie begehen Sie diese Zeit?

 

Ja, ich werde auch dieses Jahr die Sterne hervorholen, und wahrscheinlich nicht nur dieses Jahr. Und wissen Sie, sie sind sogar wieder modern geworden: aus Abfall Kunst zu schaffen, das ist heute wieder „in“.

 

Ihnen eine gesegnete, gute Advents- und Weihnachtszeit,

Ihre

Andrea Diederich