Angedacht

Liebe Leserin,

lieber Leser,

 

„Wissen Sie was mit Herrn X ist?“ werde ich von einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin gefragt, die ich in der Stadt treffe. „Nein, leider nicht“, muss ich gestehen. „Ich hab ihn länger nicht gesehen!“ „Ich habe gehört, er ist verstorben“, sagt mein Gegenüber. „Davon weiß ich gar nichts!“ mehr kann ich in meiner Betroffenheit gar nicht sagen.

 

Wieder zurück im Pfarramt mache ich mich auf Spurensuche. Dort ist kein Sterbefall eingegangen, auch kein Hinweis des Bestatters, dass Herr X vielleicht woanders beigesetzt worden sei. Nach längeren Nachforschungen - Angehörige gibt es zumindest vor Ort nicht - erfahre ich: Herr X ist tatsächlich verstorben und anonym bestattet worden.

 

Ich gebe diese Nachricht bei der nächsten Begegnung auch an die besorgte Mitarbeiterin weiter, und wir beide stellen fest: Das ist traurig! Gerne hätten wir von Herrn X Abschied genommen. Er gehörte für jeden von uns ein klein wenig zu unserem Leben dazu, und das wird nicht nur uns beiden so gegangen sein.

 

Warum gab es keine Gelegenheit Abschied zu nehmen?

 

Herr X war bescheiden, vielleicht wollte er kein Aufhebens um seine Person machen.

 

Vielleicht reichten auch seine finanziellen Mittel nur für diese Art der Bestattung.

 

Vielleicht gab es keine Angehörigen und er dachte, das sei dann so am einfachsten. Oder er wollte seine Angehörigen nicht mit der Pflege einer Grabstätte belasten.

 

Wie es auch sei: er ist nicht der Einzige, der sich heute so entscheidet. Im Gegenteil: Die Zahl der anonymen Bestattungen nimmt deutlich zu.

 

„Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ (Jesaja 43,1) Dieses Bibelwort wird oft bei der Taufe gelesen, bei der wir mit unserem persönlichen Namen angesprochen und im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft werden. Deshalb tut die evangelische Kirche sich schwer mit anonymen Bestattungen. Jeder Mensch hat vor Gott einen Namen und einen Wert und den behält er auch über den Tod hinaus. Egal wie bescheiden, normal, einfach oder auch schwierig ein Leben ist, vor Gott hat es einen Wert. Und für die Menschen, die zurückbleiben auch.

 

Auch für andere wird ein Mensch durch seinen Namen lebendig. Wir verbinden mit einem Namen etwas. Manchmal ist das mir vielleicht gar nicht bewusst, dass es Leute gibt, die mit meinem Namen etwas verbinden, die traurig sind, wenn ich nicht mehr da bin und die sich von mir gerne verabschieden würden und einen Ort für ihre Trauer suchen.

 

Wenn ich über den Friedhof gehe, lese ich an den Gräbern und Urnenfächern oft Namen, die mir etwas sagen. Im Vorbeigehen und Erinnern wird dieser Mensch noch einmal für einen Moment gegenwärtig, wird mir bewusst, wer er für mich war und was mir an ihm fehlt.

 

Neulich habe ich gelesen, dass eine Kirchengemeinde eine Grabfläche gekauft hat für alle, die keine Angehörigen mehr haben. Ich finde diese Idee sehr schön, und wir werden sie im Kirchenvorstand diskutieren.

 

Vielleicht kann es gelingen, dass niemand sich mehr anonym bestatten lassen muss, weil die Umstände es scheinbar so wollen.

 

Behüt`Sie Gott, Ihre

Susanne Ohr