Angedacht

Liebe Leserin,

lieber Leser,

 

es gibt richtige Weihnachts-Fans, die schon weit vor Beginn der Adventszeit das Haus festlich schmücken, abends eine Lichterkette anstecken und überall am Hauseingang Weihnachtsmänner aufstellen. Wenn man durch die dunklen Straßen läuft, sieht das auch meist ganz hübsch und einladend aus, und diese Art von Deko bringt einen unweigerlich in Weihnachtsstimmung. Von den Auslagen in den Geschäften und den Lebkuchen im Discounter mal ganz abgesehen. Und dennoch frage ich mich - wie jedes Jahr um diese Zeit - ist das wirklich gemeint mit Weihnachten?

 
Nein, natürlich nicht. Der Weihnachtsmann ist eine Erfindung der Werbung und festliche Dekoration oder unsere liebgewonnenen Traditionen wie der Weihnachtsbaum und Geschenke sind einfach nur heidnische Bräuche.

 
Aber was ist denn dann eigentlich Weihnachten? Jetzt wird der eine oder andere denken - ja, das ist doch ganz einfach: Am 24.12. feiern wir Heilig Abend und damit die Geburt des Jesuskindes - und das ist Weihnachten. Stimmt auch alles. Und was sagt uns das jetzt ganz konkret? Oder überspitzt gefragt: Was hat dieses historische Ereignis von damals eigentlich mit uns heute zu tun?

 
Dazu ist mir eine Geschichte in die Hände gefallen, die mich gleichermaßen zum Weinen wie zum Staunen gebracht hat und die für mich sehr gut beschreibt, was Weihnachten bedeuten kann. „Rache ist lecker“, so lautet diese (wahre) Geschichte vom französischen Prediger Erino Dapozzo, die zeigen soll, wie man Böses mit Gutem vergelten kann. Oder anders gesagt: Die zeigt, was ein echtes „Weihnachtswunder“ sein kann. Weil Erino Dapozzo heimlich Juden half, kam er in ein Konzentrationslager. Was da geschah, schildert er selbst:

 

„Am Weihnachtsabend 1943 ließ mich der Lagerkommandant rufen. Ich stand mit bloßem Oberkörper und barfuß vor ihm. Er saß an einer reich gedeckten Tafel. Stehend musste ich mit ansehen, wie er sich all die Leckerbissen schmecken ließ.

 

Nach dem Krieg suchte ich nach eben diesem Lagerkommandanten. Als ich ihn nach 10 Jahren endlich fand - es war wieder um die Weihnachtszeit herum - besuchte ich ihn. Er erkannte mich nicht. Dann sagte ich: „Ich bin Nummer 17531. Erinnern sie sich an Weihnachten 1943?“ Da bekam er es plötzlich mit der Angst zu tun. „Sie sind gekommen, um sich an mir zu rächen?“

 

Ich öffnete ein Paket mit einem herrlich duftenden Kuchen und bat seine Frau, Kaffee zu kochen. Schweigend saßen wir eine Weile nebeneinander und aßen gemeinsam den Kuchen, bis der Kommandant auf einmal laut anfing zu weinen und mich um Verzeihung zu bitten. Lange lagen wir uns an diesem Weihnachtsfest in den Armen.“

 

Zugegeben, diese Geschichte, ja dieses Erlebnis aus Erinos Leben ist keine leichte Kost und kommt etwas quer daher mit Blick auf die besinnliche Weihnachtszeit, von der wir doch alle träumen und die wir uns jedes Jahr aufs Neue sehnlichst wünschen. Doch nicht selten werden wir enttäuscht - der Familienstreit ist eben nicht pünktlich bis zur Bescherung beigelegt und auch die Krankheit ist nicht einfach weg, nur weil Weihnachten vor der Tür steht. Aber, die Geschichte zeigt: Es gibt sie dennoch. Die Hoffnung. Das Licht, das in unser Dunkel kommt. Advent und Weihnachten. Gott kommt. Das Gute bahnt sich manchmal leise, aber doch unaufhaltsam seinen Weg. In jedes noch so verschlossene Herz. Und so ist Vergebung - wie die zwischen dem Prediger Erino und dem ehemaligen Lagerkommandanten - überhaupt möglich. Weil Gott sich in Jesus Christus selbst auf den Weg zu uns macht. Mensch wird. Und uns Menschlichkeit und Vergebung und letztlich das Lieben und das Verzeihen lehrt.

 

Und so dürfen auch wir in unserem Leben - in unseren Geschichten - die Spur Jesu verfolgen und einander vergeben und erleben, wie sich Türen und Herzen öffnen. So können auch wir unser ganz persönliches „Weihnachtswunder“ erleben.

 

In diesem Sinne: Mach´s wie Gott und werde Mensch.

 

Ihre

Maria Soulaiman, Vikarin