Angedacht

Liebe Leserin,

lieber Leser,

 

die schönen Sommermonate stehen vor der Tür, und viele sind unterwegs. Spazierengehen, Wandern oder gar Pilgern. Aber egal, ob Sie zu der Zunft gehören, die einen ordentlichen Weg unter die Füße nimmt oder nicht – wir alle sind unterwegs. Unterwegs zum Einkaufen, zu einem Besuch, zu einer Veranstaltung. Wir alle sind unterwegs auf unseren Lebenswegen. Und da ist es nun ganz typisch, dass wir immer wieder an eine Kreuzung kommen. Und an einer Kreuzung stellt sich die Frage: Soll ich nach links, oder rechts, oder geradeaus gehen? Nun, meist ist das nicht so schwer, wir kennen viele Wege schon aus dem ff – und für die anderen Fälle gibt es ja Landkarten, die wir im Falle des Falles studieren können, wenn wir nicht eh schon ein Navi befragt haben. Und wie geht das bei den Kreuzungen des Lebens? Wie machen wir das, wenn eine Entscheidung ansteht?  Naja, werden Sie vielleicht sagen: Gott führt schon, das himmlische Navi wird mich schon richtig führen. Oder vielleicht denken Sie jetzt an das berühmte Labyrinth in der Kathedrale von Chartres, wo es eigentlich keine Kreuzungen, sondern nur Kehren gibt und der Weg auf scheinbaren Umwegen sicher zur Mitte führt? Vielleicht gehören Sie aber auch zu denen, die sagen: Wenn das so einfach wäre! Theoretisch ist ja alles klar – nur in der Praxis?! Wenn eine konkrete Entscheidung ansteht?  Wie soll ich mich entscheiden, wie finde ich den richtigen Weg? Wie kann ich wissen, was richtig, was gut ist? Oder, um es in der geistlichen Sprache zu formulieren: Wie kann ich unterscheiden?

 

Diese Frage wird mir oft in der Seelsorge, in der „geistlichen Begleitung“ gestellt, wo es ja um den eigenen Lebensweg und die Spuren Gottes im eigenen Alltag und seine sanfte Führung geht. Drei Gedanken hierzu:

 

Der erste Gedanke ist die Frage: Woran will ich mich eigentlich orientieren? Ist mir „Weltliches, z.B. Karriere, Ansehen, Erfolg, Fortkommen, Wohlstand, Familie, Selbstverwirklichung wichtig? Will ich einfach meinen gewohnten Wegen und Vorstellungen folgen? Oder frage ich: Was würde Jesus Christus jetzt hier an meiner Stelle tun? Was hat Jesus eigentlich vorgelebt?  Denn er stellt ja nicht die Frage, „was nützt mir, was bringt mir am meisten?“, sondern: „Wie kann ich in Liebe dienen, dass wirklicher Frieden in dieser Welt wächst?“ Aus welchem Blickwinkel schaue ich also auf die Kreuzung? Welches Ziel habe ich eigentlich vor Augen?

 

Der zweite Gedanke geht ein wenig mehr ans „Eingemachte“.  Denn Ignatius von Loyola setzt bei seiner Antwort noch eines drauf: Wenn du die Wahl hast, dann nimm den schwereren Weg zur Ehre Gottes. Hier ist nicht gemeint, sich selbst zu kasteien, sondern hier geht es um den Blick darauf, dass Jesus Christus ebenso einen schweren Weg für uns gegangen ist und uns einlädt, ihm auf dem Kreuzweg zu folgen. Wäre ich bereit, einen selbstlosen Weg der Liebe zu gehen? Aus Liebe zu Gott? Und welcher wäre dieser Weg dann?

 

Dabei ist der dritte Gedanke ausgesprochen wichtig: Habe ich dazu die innere Freiheit, ein Her-zens-Ja? Ist in mir das Vertrauen, dass mir dann auch die Kraft erwächst, diesen Weg zu gehen? Denn es geht beim Glauben nicht darum, dass wir uns knechten der aufopfern, sondern - um es mit Martin Luther zu sagen - dass wir „ein freier Herr“ (eine „freie Frau“) dabei bleiben und eben alles in der Freude und der Freiheit der Kinder Gottes tun. Nur ein freier Herr (eine freie Frau), kann ein rechter „dienstbarer Knecht aller“ sein wie Christus. Manchmal ist es gut, die Entscheidung im Gebet länger zu bewegen und auch mal im Gebet ruhen zu lassen, bis das Herz zu der Freiheit der Hingabe findet und sich die tiefe Gewissheit einstellt, was jetzt gut ist.

 

Und welche Gedanken haben Sie zu dem Thema? Ihnen allen ein gutes Unterwegssein und vielleicht bis bald – an der nächsten Wegkreuzung!

 

Ihre

Andrea Diederich