Angedacht

Liebe Leserin,

lieber Leser,

 

ich hatte Karten für ein Musical ergattert und war ganz stolz, Plätze ganz vorne. Eine Freundin, der ich davon erzählte, meinte lachend: Na, dann pass auf, dass es dir nicht ergeht wie mir neulich. Da kam von der Bühne der Hauptdarsteller auf die Leute, die vorne saßen zu, und ich musste plötzlich mitspielen…

 

Ja, so kann es gehen, dass man aus der Zuschauerposition herausgeholt wird und plötzlich mitten im Geschehen ist. Das ging Zachäus so, der eigentlich nur mal gucken wollte, was dieser Jesus für einer ist und auf einen Baum kletterte, um besser sehen zu können. Jesus holte ihn herunter und lud sich bei ihm zu Hause ein. Damit änderte sich einiges für Zachäus und für die Menschen, die mit ihm zu tun hatten.

 

Das ging den Fischern so, die ihrer Arbeit nachgingen und plötzlich mit ihren Booten Teil eines Wunders wurden und in der Folge davon zu Menschenfischern.

 

Das ging dem Mann so, den ich neulich bei einem Geburtstagsbesuch kennenlernte. Im Ruhestand war er nach Bad Wörishofen gezogen. Zunächst hatte er der älteren Dame aus dem Haus angeboten, er könne sie zum Einkaufen mitnehmen, dann irgendwann übernahm er die Einkäufe, jetzt ist er ihr Betreuer. „Das habe ich mir früher gar nicht vorstellen können“, sagt er, „aber es ist in Ordnung!“

 

Und das geht einigen der Kandidierenden für den neuen Kirchenvorstand so, die schon mit Interesse aber bisher doch eher aus der Zuschauerperspektive das Gemeinde-leben verfolgt haben. Sie haben sich ansprechen lassen. Das Evangelium von Jesus Christus, seine Worte und sein Handeln machen aus Zuschauern Mitwirkende. Wir Menschen sind von Gott dazu befreit unsere Gaben zu entfalten und mit unserer je ganz eigenen Persönlichkeit zur Geschichte Gottes mit dieser Welt beizutragen. Davon lebt die Kirche, davon lebt auch unsere Gemeinde: Sie baut auf Christinnen und Christen, die Kirche gestalten, ihre Ideen und Begabungen einbringen und Verantwortung übernehmen. Nicht auf Zuschauer, nicht auf Statisten, sondern auf Mitwirkende, Akteure und Regisseure.

 

Am 21. Oktober werden in der ganzen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern die Kirchenvorstände neu gewählt. Menschen haben gesagt: Ich kandidiere! Ich möchte Gemeinde mitgestalten! Ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen! Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher entscheiden über Gebäude und Finanzen, über Personalplanung, Gottesdienstkonzepte, Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden und Partnern in Kommunen, Kultur, Schulen und Vereinen. Etwas zu bewirken in Gemeinschaft mit anderen – das ist vielen Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorstehern wichtig und wert, ihre Zeit und Kraft einzusetzen. Dafür möchte ich schon heute all denen danken, die dieses Amt in den letzten sechs Jahren ausgefüllt haben und den „Neuen“ für ihre Bereitschaft zur Kandidatur.

 

Alle Wahlberechtigten bitte ich: Begleiten Sie die Kirchenvorstandswahl am 21. Oktober nicht als Zuschauer, sondern als Mitwirkende. Unterstützen Sie das Engagement anderer, indem Sie dem Motto dieser Wahl entsprechend sagen: Ich glaub. Ich wähl.

Ihre

 

Susanne Ohr, Pfarrerin