Angedacht

Liebe Leserin,

lieber Leser,

 

Während ich diese Zeilen schreibe, sind die ersten von ihnen aufgegangen: mitten zwischen den Steinplatten auf meiner Terrasse und noch viel mehr auf den Wiesen rund um Bad Wörishofen. Ich spreche vom Löwenzahn, auch Maiblume, Goldkörbchen, Hasenglück, Kuhblut, Erdsternchen genannt.

 
Er ist eine wunderschöne Blume, trägt ein sonniges Goldgelb, das alle Vorübergehenden freundlich zu grüßen scheint. Auch wenn Löwenzahn nicht nur schön fürs Auge ist, sondern auch eine Heilpflanze und als Teil der mo-dernen Kräuterküche ein Nahrungsmittel - für viele unter uns ist Löwenzahn einfach nur ein Unkraut. Dank seiner starken Pfahlwurzel trotzt er jedem Rasenmähereinsatz. Diese Wurzel ist sein Überlebensgarant, denn wird sie nicht völlig entfernt, kommt der Löwenzahn immer wieder. Wie ein entnervter Gartenfreund sagte: „Löwenzahn ist nicht totzukriegen!“.

 
Auf einer Gartenhomepage lese ich: „Im Juli wird er richtig gefährlich!“. Freilich, da wird die gelbe Blüte zur Pus-teblume. Viele kleine Samen bilden dieses wunderschöne Gebilde, die angeblasen vom Wind oder vom Atem eines Kindes seine Samen abwirft, die dann an kleinen Fallschirmen fortgetragen werden.

 
Wohin der Same der Pusteblume fällt, ist zufällig, allein abhängig von den gerade herrschenden Windver- hältnissen. Und der Same dieser Blume ist genügsam - egal ob in kleinen Ritzen, auf Rasenflächen oder in Gemüsebeeten, dort wo der Same landet, senkt er sich tief ins Erdreich ein und es entsteht unglaublich schnell eine Landschaft von neuem Löwenzahn.

 

Ich denke an das Gleichnis vom Sämann (Mk 4,3-9). Jesus vergleicht dort das Wort Gottes mit dem Samen, den ein Mensch aussät. Der Sämann geht umher und lässt den Samen fallen, nicht zielgerichtet in extra dafür gezogene Furchen, nein, er streut großzügig aus. Die Samen fallen dann auch an ganz unterschiedliche Orte: einige auf festgetretene Wege, andere auf Fels, wieder andere unter Dornen und sie werden zertreten oder vertrocknen; viele aber fallen so, dass sie aufgehen können und hundertfach Frucht tragen.

 
Das Wort Gottes soll in der Welt ausgestreut werden, im Vertrauen darauf, dass es wurzelt, blüht, Früchte trägt, sich ausbreitet. Jede und jeder von uns, der oder die von Gott und seiner Liebe erzählt, streut es aus. Das kann auf ganz unterschiedliche Art geschehen: durch liebevolle Gesten und gute Worte, durch die Liebe, die wir leben, durch eine unterstützende Spende und hilfreiches Tun, durch Verantwortung, die wir für unsere Umwelt über-nehmen oder auch indem wir unsere Stimme erheben gegen das, was uns unrecht erscheint in unserem täglichen Leben, in unserer Gesellschaft.

 
Wie der Same des Löwenzahns so ist der von uns ausgestreute Same in der Lage, neue Lebensräume zu erobern, festgefahrene Situationen zu lösen, Werte zu transportieren, ja sogar Asphaltdecken in unserem Leben zu durchbrechen – und das schenkt auch Anderen Hoffnung.

 

Deshalb werde ich dem Löwenzahn zwischen meinen Terrassensteinen nicht mehr versuchen beizukommen - ich werde ihn stehen lassen, damit er mich daran erinnert, welche Kraft in unserem Glauben steckt!

 

Ihnen allen eine gesegnete Sommerzeit, in der sich der Optimismus des Löwenzahns in Ihnen ausbreitet und durch Sie wirkt.

 

Ihre

 

Pfarrerin Susanne Ohr