Angedacht

Liebe Leserin,

lieber Leser,

 

woran merken Sie, dass es wirklich Advent geworden ist? An Lebkuchen, Stollen und Plätzchen? Vermutlich nicht, denn die sind ja schon seit September in den Supermarktregalen. Woran also?

 

Daran, dass sich der Terminkalender mit allerlei stimmungsvollen Feiern füllt? Lichter, die Straßen erhellen? Oder vielleicht daran, dass im Gottesdienst wieder das alte Lied: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ gesungen wird?

 

Vermutlich ist es bei jedem und jeder von uns etwas anderes, das das Herz berührt, ja erinnert, dass die geheimnisvolle, „staade“ Zeit nun angebrochen ist. Bei mir selbst ist es ein fünfstimmiger Satz von Johann Eccard, ein Lied das ich Jahrzehnte immer wieder im Chor gesungen habe: „Übers Gebirg Maria ging, zu ihrer Bas` Elisabeth…“

 

Advent beginnt mit Maria. Die Geschichte Jesu, die Rettung der Menschheit, der Friede, beginnt mit einer Frau. Genauer mit zwei Frauen. Maria und Elisabeth. Sie sind „empfänglich“ für Gottes Pläne, für sein Handeln. Klar, es sind ja Frauen, denken Sie jetzt?

 

Ich finde es recht tiefsinnig, dass damit die Geschichte beginnt. Ein Fingerzeig, eine Frage an uns: Wie steht es mit dir, bist du eigentlich „empfänglich“, oder bist du mit dem Deinen beschäftigt? Sind wir bei allem „Machen und Tun“, bei aller Geschäftigkeit und Sorge um viele Dinge, noch „hörend“? Maria hört und antwortet: „Mir geschehe, wie du willst, ich bin des Herrn Magd“ (Lk 1,38).

 

Auch wieder so ein Fingerzeig. Wer ist in unserem Leben der „Herr“? Wer trifft die Entscheidungen? Wer sagt, wo es langgeht? Wer plant meine Zeit? Ich finde es faszinierend, dass Maria so ruhig, so bescheiden, so empfänglich antwortet. Faszinierend und einladend. Einladend, sich einfach auf Gott einzulassen dieser Tage, sich berühren und führen zu lassen. Und da braucht es keine großen Taten, Worte oder Gefühle – denn wir dürfen „Raum“, „Herberge“ sein für SEINE Wirklichkeit, dürfen Gott ganz neu empfangen in unserem Leben.

 

Ja, Advent beginnt ausgesprochen weiblich. Mit Maria, mit Elisabeth. Aber nicht nur weiblich, sondern auch mütterlich. Auch wieder so ein Fingerzeig. In der Geschichte Jesu, im neuen Himmelreich, das auf Erden kommt, da sind die mütterlichen Gefühle wichtig: die erbarmende, tröstende, einfühlende, zärtliche, helfende, beistehende, Orientierung gebende Liebe.

 

Schließlich ist schon den Propheten angekündigt worden: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist“. Heiliger Geist ist im Hebräischen weiblich. Es ist, als ob die Menschheit vergessen hatte, dass Gott auch eine mütterliche Seite hat, eine erbarmende, liebende, sanfte, bergende, stillende. Die Frauen galten damals wenig. Den Ton gaben die Männer an, sie waren die Entscheider. Und heute?  Der Auftakt der Jesusgeschichte als eine Frauengeschichte zeigt unmissverständlich, dass Gott nicht nur „männlich“ Gerechtigkeit schaffen will, nicht nur wieder als Gottvater ernst genommen werden will, mit seinem Willen, seiner Herrschaft, sondern dass es ihm vor allem darum geht, dass wir ganz seine Kinder sein dürfen.  Uns in seine „Arme“ bergen dürfen und uns von seiner zärtliche Liebe ganz und gar umfangen und durchlichten lassen dürfen. Und dass in seiner Kirche, in seinem Himmelreich, das Mütterliche daher nicht zu kurz kommen darf.  Auch nicht in unserer Gemeinde. Und so beginnt der Sohn Gottes sein Menschsein eben im bergenden Schoß der Maria und in ihren mütterlichen Armen:  „Meine Seele ist still  und ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mutter.“ (Psalm 131,2)

 

Ich möchte heute allen Müttern und mütterlichen Frauen danken, die uns ein Bild, eine Ahnung geben von dieser mütterlichen, sanften Seite Gottes. Ihnen allen aber wünsche ich eine gesegnete und gute Advents- und Weihnachtszeit!

 

Gott, wie du willst, geschehe mir:

an mir, in mir, mit mir.

Erfülle mich

mit deinem liebenden Sein, so wird alles

gut.

 

Ihre

Andrea Diederich, Pfarrerin