Angedacht

Liebe Leserin,

lieber Leser!

 

Ich erinnere mich noch gut an eine Frau aus einer früheren Gemeinde, die jedesmal im Mai die Marienstatue an der kleinen Wegkapelle mit viel Liebe schmückte. Es war ein Meer aus Blumen, so wundervoll gestaltet, dass Besucher auch von auswärts kamen, um das anzuschauen. Als evangelische  Pfarrerin hatte ich nicht viel zu tun mit den geschmückten Marienaltären unserer katholischen Glaubensgeschwister. Und ehrlich gesagt, konnte ich auch nicht allzu viel damit anfangen. Eines Morgens kam ich mal wieder auf meinem Weg an der kleinen Wegkapelle vorbei, da goss sie zufällig gerade die Blumen. Und ich dachte: „Hoppla, die gehört doch zu meiner Gemeinde?“. Ich blieb stehen und kam mit ihr ins Gespräch. Sie erzählte von ihrer alten Heimat im Osten, von ihrer Liebe zu Maria schon als junge Frau. „Da habe ich ihr oft Blumen zu ihrem Bild gebracht!“, sagte sie.


Mit Tränen in den Augen berichtete sie von den Kriegsereignissen, von der unfassbaren Nachricht, dass ihr Mann gefallen war und die Geburt des gemeinsamen Sohnes nicht mehr erlebt hatte. Sie erinnerte sich an die Flucht mit ihrem Sohn vor der Roten Armee, an die furchtbaren Zustände auf dem Treck nach Westen. Unsagbar war der Schmerz, als ihr kleiner Sohn unterwegs starb. Als Flüchtling im fremden Westen fristete sie ein ärmliches Dasein. Sie arbeitete viel um zu überleben, oft über ihre Kräfte hinaus.


An Maria zu denken, hätte ihr Mut gegeben, auf Gott zu vertrauen, wie Maria es in ihrem Leben getan hat. „Maria hat schreckliche Dinge erlebt, als ihr Sohn getötet wurde. Wie hat sie das alles nur ausgehalten? Sie wusste, Gott ist treu. Und es hat mir darum gut getan, an Maria zu denken. Wissen sie, Frau Pfarrerin, diese Blumen hier sind Zeichen meiner Hoffnung und meines Glaubens, dass das Kreuz und der Tod nicht das letzte Wort sprechen.“

 

Ein Blumenmeer der Hoffnung und des Glaubens gegen alle bittere und schwere Erfahrung, gegen die Einbrüche des Todes. Ein buntes Blumenmeer, weil Gott treu ist. Ich stand noch eine ganze Weile mit ihr dort und betrachtete die Blumen und spürte: Da ist mir auch eine zur Mutter im Glauben geworden, hat auf ihre ganz schlichte Weise mir Glauben gezeigt. Wir umarmten uns, bevor ich weiterging.

 

Als ich am nächsten Tag in unserer Kirche das Blumengesteck auf dem Altar gestaltete - was damals meine wöchentliche Arbeit war, ich hatte zum Glück einen großen Garten - ging mir das Herz über: Blume über Blume, Zweig für Zweig fand seinen Platz auf dem steinernen Altar, ja floss förmlich über und ergoss sich vorn über den Altar. Wurde mir zum Bild des überbordenden, österlichen Lebens, das der Tod nicht aufhalten kann.
„Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist.“ (Röm 8,38-39)

 

Ich feierte Ostern mit Blumen. Vielleicht hat der eine oder andere gedacht: „Heute ist unsere Pfarrerin ein wenig verrückt!“ oder „Heut übertreibt sie es etwas mit dem Glauben!“ Vielleicht aber hat das Blumenmeer dem einen oder anderen direkt ins Herz gepredigt und Mut gemacht zu leben. Aber bis heute ist es mir wichtig, dass Blumen von der Auferstehung künden, Gottes Treue feiern. Bis heute stehen immer Blumen in meiner Gebetsecke. Und ich freue mich, wenn hier an unsere Gebetswand mit dem Kreuz jemand Blumen hineinstellt und so den Glauben, die Hoffnung feiert.

 
Seitdem gehe ich an den vielen geschmückten Marienaltären unserer katholischen Glaubensgeschwister anders vorbei. Ich denke dann oft an mein russisch-deutsches Mütterchen, das mich lehrte,  den Glauben gegen den Tod mit Blumen zu feiern.

 

Herzlichst, Ihre

Andrea Diederich

 

Jesus Christus segne dich,
er räume deinen Kummer beiseite,
die Schuld aus dem Weg,
die Sorgen von deiner Seele,
er erhebe dein Leben aus den Gräbern
der Angst und des Zorns,
über den Tellerrand deines Ichs,
und lasse dich Leben feiern,
tanzend in die Himmel
schon heute und hier. Amen.