Angedacht

Liebe Leserin,

lieber Leser!

 

Kürzlich war ich auf der Suche nach einem Bild für die 9. Ausgabe von „Leo@home“, meinen Schulbriefen an die evangelischen Kinder unserer Gemeinde, solange sie eben zuhause unterrichtet werden. Da stolperte ich über dieses Bild: Eine Figur mit Glühbirnenkopf schließt sich an den Stromkreis an. Ich musste lachen. So ein Figürchen war mir noch aus den Comics alter Kindertage bekannt: so sah doch das Helferchen des genialen Erfinders Daniel üsentrieb aus! Dieses Helfer-chen hatte ohne Worte meist die richtige Idee, wenn Daniel Düsentrieb in seinen Ideen steckengeblieben war. Es machte dann einfach das Richtige, dass es weiterging. Oft war es banal, einfach, logisch.

 

So wie auf diesem Bild: Es ist doch das Natürlichste der Welt, den Stecker in die Steckdose zu stecken. Wie sonst soll seine Birne sonst leuchten? Es ist doch ganz und gar alltäglich, ohne die Steckdose kommt keines unserer Geräte aus. Handy, Tablet, Fahrradakku – alles muss immer wieder an die Steckdose, muss an den Stromkreislauf, um aufgeladen zu werden. Und wehe dem, dem das nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist: dem fehlt der Saft im ungünstigsten Moment: „Akku leer. Mist.“


Hm, Sie merken schon, dass ich jetzt nicht wirklich von den Errungenschaften menschlicher Technik reden will, sondern von uns. Auch wir brauchen Kraftquellen in unserem Leben, gerade auch, wenn es schwerer wird, dunkler wird und uns das Leben schier über die Kraft geht. Vielleicht weil der Tod unser Leben betroffen hat und wir Trauerwege gehen; vielleicht weil wir krank sind und alles unsicher und mühsam geworden ist; vielleicht weil uns Gewalt angetan wurde und wir tief verletzt sind; vielleicht weil Mitschüler und Kollegen einen mobben und sich die ständige Beschimpfung zerstörerisch in die Seele gräbt. Da wäre doch eine Steckdose im eigenen Haus schier genial: Stecker rein und gut ist es. Naja, so einfach ist es nicht. Leider. 

 

Und doch gibt es viele Möglichkeiten, sich an einen Stromkreislauf wieder anzuschließen, aus dem Gemeinsamen Kraft zu schöpfen: Da ist das Trauercafé für die Trauernden, die Gruppentreffs der Anonymen Alkoholiker, die Gruppe für an Krebs Erkrankte, Ma(h)l nicht allein oder DiakonieCafé für Alleinstehende, die Begleitungsgruppe für pflegende Angehörige … Der Mensch braucht einfach „Anschluss“. Anschluss, um immer wieder die Kraft für den nächsten Tag, den nächsten Schritt zu finden. Der Mensch braucht einfach eine Gemeinschaft, die Ja zu ihm sagt, so wie es eben gerade ist, die ihm zuhört, ihn respektiert, wertschätzt, ermutigt und auch mitträgt. Das ist gerade die Grundlage jeder christlichen Gemeinschaft.

 

Aber die christliche Gemeinschaft ist eben auch die Gemeinschaft derer, die zu Christus gehören, der ruft: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Kommt und lernt von mir.“ Kraft und Ermutigung können wir Menschen uns sicher weitergeben, aber die eigentliche Kraftquelle bleibt Gott. „Ohne das Gebet hätte ich das nicht durchgestanden“ – das habe ich oft in unserer Gemeinde gehört, und manche Gruppe schließt ihr Treffen bewusst mit einem Gebet ab. Viele in unserer Gemeinde beginnen den Tag mit einem Gebet oder einer biblischen Lesung.

 

Oder werden still und beten ein Vaterunser, wenn die Kirchenglocken läuten. Sie alle schließen sich an, „stecken den Stecker rein“, wie das Figürchen auf dem Bild. Formen, um „Anschluss“ zu bekommen, gibt es sicher viele in unserer Gemeinde, modernere, konservativere, wichtig ist doch nur, dass das „Birnchen“ leuchtet, wie auf
dem Bild. Dass da Kraft fließt, die wir ja nicht aus uns haben und doch brauchen, um die zu sein, die wir eigentlich sind. Und ich glaube, das ist besonders jetzt in diesen Monaten wieder wichtig, wo die Tage zunehmend kürzer und trüber werden und vielen Mitmenschen auf die Seele drücken: Dass da Licht unter uns leuchtet, Licht durch uns leuchtet in diese Zeit. „Ihr seid das Licht der Welt“, sagt Christus, und „Ich bin das Licht der Welt“. Wie gut tun uns Menschen, die Mut machen, Hoffnung leben, Freundlichkeit und Vergebung leben. Menschen, die die trübe Stimmung mit ihrem Dasein aufhellen und eine lebendige Einladung sind, sich selbst „anzuschließen“. Eben echte „Helferchen“, wie aus dem Comic in Kindertagen.

 

Gott sei mit Ihnen allen, wie ein sanftes Licht,
und wie ein Ozean der Ruhe und wie
eine machtvolle Hilfe in Stürmen des Lebens,


Ihre Pfarrerin
Andrea E. Diederich