Angedacht

Anbetung der Hirten, H. van der Goes, Gottesdienst-Institut d. Evang. Luth. Kirche i. Bayern
Bildrechte: Anbetung der Hirten, H. van der Goes, Gottesdienst-Institut d. Evang. Luth. Kirche i. Bayern

Liebe Leserin, lieber Leser!

Abstand halten! Es scheint als hätte der Maler Hugo van der Goes nicht vor 550 Jahren gelebt, sondern mitten in unserer Zeit des social distancing. Die vertrauten Personen der Weihnachtsgeschichte Maria und Josef, Engel, Hirten und König samt Ochs und Esel, sie halten Abstand. Nicht nur, dass Sie voneinander Abstand halten, sondern auch - und das ist für eine Krippendarstellung ganz und gar ungewöhnlich - sie halten auch Abstand von der zentralen Figur des Weihnachtsgeschehens, vom Kind.

Vielleicht zeichnet der Maler aber auch nur eine Welt, wie er sie erlebte. Die vom Feld kommenden Hirten, die himmlischen Heerscharen und die ehrwürdigen Könige, was haben sie schon gemeinsam? Zu unterschiedlich sind ihre Lebenswelten: Die einen unter freiem Himmel zu Hause, die anderen in herrschaftlichen Häusern, Maria und Josef gerade heimatlos, die Engel dem Himmel näher als der Erde. Immerhin, sie hat es alle an diesen Ort, zum Stall bei Bethlehem gezogen. So unterschiedlich ihre Leben sonst sein mögen, so ähnlich sind ihre Bedürfnisse. Ihre Sehnsucht nach Liebe oder zumindest echter Wertschätzung, nach einem Auskommen, nach Sinn und auch der Wunsch nach Orientierung in einer Welt, in der es schon damals drunter und drüber ging.

All das zieht sie in den Stall, finden sie wieder in diesem Kind, das schutzlos auf dem bloßen Boden liegt. Keine Krippe. Kein Stroh. Nichts, was davon ablenken könnte, dass es allein dieses kleine zerbrechliche und schutzlose Kind ist, in dem sich Gott zu uns begibt. Wir müssen es nur greifen und begreifen: In Jesus will Gott den Abstand zu uns überbrücken. In ihm teilt er unsere Bedürftigkeit und unsere Ängste und kommt uns ganz nah. Sagt uns auch: Du musst nicht immer stark sein, du musst deine Verletzlichkeit nicht verbergen und schon gar nicht deine Angst. Und Ängste kennen wir gerade. Sei es die Angst vor dem Virus oder die Angst vor dem Verlust meiner Existenz, die Angst vor Bedeutungsverlust oder vor innerer Leere, vor Einsamkeit oder auch vor dem Zusammenbrechen von Strukturen. Ich bin da, sagt Gott. ich möchte dir nahe sein und dich stärken. Bleib auch du nicht auf Abstand! Und du wirst spüren, wie deine Sehnsucht sich füllt.

Ganz zarte Lichtstrahlen gehen von dem Kind aus. Sichtbare Zeichen für Wärme und Geborgenheit, Freude und Orientierung. Jesus, das Licht der Welt, möchte sie in unser Leben bringen. Lichtstrahlen, die allen Abstand durchbrechen. Mögen diese Strahlen sie in diesen Tagen erreichen und berühren, sodass Sie singen können: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!

Ihre Pfarrerin

Susanne Ohr

Wieder naht die dunkle Zeit,
in der es hell wird
durch Sternenglanz
und Engelswort.


Du Gott kommst näher,
Tag für Tag,
um unter uns zu wohnen
als Licht der Welt.


Zieh ein
in unsere Wohnungen
und unser Leben,
leuchte in uns und durch uns.

Damit es hell wird an dunklen Tagen,

an düsteren Orten und
in verfinsterten Herzen.


Tina Willms