Angedacht

Liebe Leserin, lieber Leser!

Manchmal liegen oder stehen die schönsten Botschaften auf der Straße. Nein, ich meine jetzt nicht  die vielen bunten Kreidebilder und Schriftzüge, die letztes Jahr Corona trotzten und uns alle an das österliche Leben erinnerten, bis der nächste Regen die Farben von dem Grau wieder abwusch. Nein, noch viel unscheinbarer, stiller … Vorn an der Straße, zwischen Asphalt und Steinen ist  eine winzige Ritze am Straßenrand. Ganz schmal und klein, und doch hat da der Wind wohl ein Samenkorn hingeweht. Kaum Erdreich – trotzdem. Viel abfließendes Regenwasser – trotzdem. Immer fleißig gefegt, auch von den Straßenreinigungsfahrzeugen – trotzdem. Oft sind Autoreifen darüber gerollt – trotzdem. Ungeschützt vor Eis und Frost – trotzdem. Völlig unbeachtet – trotzdem. Trotzdem ging das Samenkorn auf, als die Sonne den Boden erwärmte. Trotz aller Widrigkeiten bildeten sich Blätter und es wuchs Stück für Stück eine kleine Pflanze auf. Dem Licht entgegen. Und aus dem Herzen der Pflanze wuchs eine Knospe und dann bald mehrere. Und bald blühte sie auf: leuchtend blau. Den ganzen Sommer über stand und blühte unentwegt ein Gartensalbei und kündete still allen, deren Blick auf ihn fiel: „Das Leben braucht nicht viel, um zu blühen.“ Und wer sich die Mühe machte (und die irritierten Blicke der Nachbarn riskierte) und wie ich auf die Knie ging und an der Pflanze roch, der nahm den würzigen Duft wahr. Würze des Lebens. Welch Botschaft in einer Zeit, in der sich manche um das Leben betrogen fühlen, beraubt ihrer Möglichkeiten. Welch Botschaft mitten in Coronabe-schränkungen. Trotzdem. Trotzdem blüht das Leben neu auf, trotzdem wird Leben gelingen. Ist das nicht das, was wir Ostern und jeden Sonntag feiern? Das Leben siegt. Das Leben siegt, weil Gott sein großes Trotzdem gesprochen hat. Weil nicht Tod, Schuld, Zerstörung das letzte Wort haben sollen. Weil er selbst das letzte Wort hat. Und er sagt: Ich lebe und du sollst auch leben.

Jeden Tag ging ich an der kleinen blau würzigen Predigt des Lebens vorbei, die mir oft ein Lächeln entlockte. Dann aber, der Herbst klopfte schon an, begann ich einen folgenschweren Fehler: Ich dachte, dass der Gartensalbei eigentlich einen besseren Platz verdient hat. Mit viel Mühe und Vorsicht löste ich die Pflanze mit seinen Wurzeln aus der Straßenritze und pflanzte sie in guten Gartenboden, gleich an meiner Terrasse und meinem kleinen Gartenparadies. Ich dachte: Nun geht es ihr gut und sie wird noch voller… Weit gefehlt. Sie kümmerte und erholte sich nicht.


Wohl, weil sie noch eine zweite Predigt zu halten hatte: Wir Menschen meinen immer, dass wir das Paradies, oder eine Art Schlaraffenland, eitel heiteren Sonnenschein brauchen, damit wir das Leben, die Fülle haben. Ostern ohne Karfreitag. Aber mein kleiner Gartensalbei erzählte mir, dass gerade die Kargheit der Straßenritze, die graue Widerständigkeit der Steine, die Hitze des Lebens, die Kräfte in ihm hervor gebracht haben. Während das scheinbare Paradies ihn verweichlichen ließ. Schon wahr, wir Menschen reifen eben mehr am Unbill des Lebens als auf dem Sofa des Wohlergehens. Die Bibel spricht hier in den großen Worten „Anfechtung“ und „Bewährung“, die uns in das Trotzdem des Glaubens locken und stark machen und wachsen lassen. Und welch kraftvoll tiefe Weisheit ist die Einladung zur Kreuzesnachfolge: die persönlichen Karfreitage anzunehmen, wenn das Leben ans Kreuz geschlagen wird, im Trotzdem des Glaubens. Denn dadurch wird das Leben wahrhaft blühen.  

Was auch immer uns die Zeit bringt, ich wünsche Ihnen Kraft und Mut zu dem Trotzdem des Glaubens und blühend würziges Leben unter dem Segen Gottes, der uns alle liebt.

Ihre Pfarrerin Andrea Elisabeth Diederich

 

Bruder Jesus Christus, ich habe Angst in der Welt, du hast sie überwunden, du hältst mich,
wenn nichts mehr geht und schenkst mir dein Trotzdem,
dass wahres Leben in mir aufblüht.