Aus dem Alltag gegriffen

Stimmen - Stimmungen

Jeder Mensch hat so gewisse ganz persönliche Kennzeichen, Merkmale, an denen man ihn erkennt: Aussehen, Größe, Gewicht, Körperhaltung, Reaktionen. Ein wichtiges Kennzeichen ist dabei die Sprache, das Sprechen, die Stimmlage, die Stimme.

Auch schon mal passiert? Man sitzt irgendwo und hört eine Stimme, ohne den dazugehörigen Menschen zu sehen. Und plötzlich kommt einem diese Stimme so bekannt vor: „Das ist doch Der…“, denkt man dann und schau sich um: Der Der ist es auch… „Hallo Herr…,“ grüßt man freundlich. Oder auch nicht, sondern macht sich eher klein, will nicht bemerkt werden und denkt: „Hoffentlich sieht mich Der nicht. Will heute mit Dem nichts zu tun haben.“

Stimmen sind unverkennbar. Oder doch nicht? Manchmal passiert es nämlich, dass man eine Stimme hört und denkt: „Das ist doch Die…“ Man dreht sich um und bemerkt: Die Die ist es doch nicht. Ist ganz jemand anderes. Aber diese Stimme… Ich hätte schwören können, dass dies die Die ist. Welche Ähnlichkeit.

Stimmen erinnern uns. Sie erinnern uns an Menschen, die wir kennen, die wir vielleicht lange nicht gesehen haben. Sie erinnern uns aber auch an Menschen, die wir nicht persönlich kennen sondern nur von ihrer Stimme her, wie Schauspieler oder Politiker. Wie wichtig Stimmen sind, das haben wir in den letzten Monaten stärker denn je gemerkt als oft nicht mehr blieb als die Stimme vertrauter Menschen am Telefon, in der Video-Konferenz, über soziale Medien. Die Stimme, die so vieles ausdrücken kann: Höhen und Tiefen, Trauer und Freude,  Sanftmut und Schärfe.

Stimmen, die stimmig sind – in sich, die genau ausdrücken, was der andere denkt, wie er tickt, die seine Ehrlichkeit unterstreichen, sein Mitgefühl oder seine Ablehnung. Stimmen, die uns  angenehm sind in ihrer Tonlage, in ihrer Vibration. Stimmen, zu denen wir uns sofort hingezogen fühlen, ohne zuvor den Menschen gesehen zu haben. Aber auch Stimmen, die uns ganz und gar nicht behagen, die wir unangenehm empfinden, aufdringlich, aggressiv, ja die sogar weh tun können.

Und manchmal sind wir dann enttäuscht oder zumindest überrascht, was hinter einer Stimme steckt und so gar nicht übereinstimmt mit dem Bild, das wir uns von der Person mit gerade dieser Stimme gemacht haben. Eine kräftige, männliche, tiefe Stimme entpuppt sich als „zartes Persönchen“. Eine hohe, fiepende Stimme als durchaus charmante Person. Stimmen und die Bilder dahinter – nur selten stimmen sie überein.

Und dann sind ja noch die Stimmungen hinter der Stimme. Die Stimmungen, die von dieser Stimme ausgehen, aber auch die Stimmungen, die diese Stimme bei uns erzeugt. Sie sind durchaus unterschiedlich, können verwirren, beunruhigen oder beruhigen, versöhnen.

Eine Stimme: Sie ist ja so wichtig, aber auch verfälschbar wie inzwischen fast alles, sogar die Bilder. Und so ist es wie immer im Leben: Man darf nicht nach dem ersten Eindruck gehen und schon gar nicht nach nur einem Merkmal. Um einen Menschen wirklich kennen zu lernen bedarf, es der ganzen Sicht: Stimme und Bild und Gefühl. Nur wer auch das Herz sprechen lässt, kann sich einstimmen auf sein Gegenüber.


Manfred Gittel