Aus dem Alltag gegriffen

Warum gerade ich?

Warum passiert, was passiert – und warum passiert es immer mir? Wer hat sich diese Frage nicht schon gestellt.

Da gibt es drei Treppenstufen. Beim Hinaufsteigen waren sie noch kein Problem, doch beim Hinuntergehen übersehe ich eine. Die Folge dieses „Fehltrittes“ tut weh.
Ich plane einen Grillabend. Die ganze Woche war herrlichstes Sommerwetter. Abends sorgt eine angenehme Temperatur für ideales Draußen-Sitz-Wetter. Ich habe Freunde eingeladen. Wir wollen nach Langem wieder einmal gemütlich zusammensitzen, plaudern, Spaß haben. Doch genau eine halbe Stunde vor Beginn wird der Himmel plötzlich grau, jagen die ersten Blitze über das Firmament, ziehen bedrohend dunkle Wolken auf und prasseln erste dicke Tropfen nieder. Die Folge dieses „Umschwungs“: Ade Grillabend.
Lange Schlangen an den Supermarkt-Kassen. Ich bin der Achte in einer Reihe. Vor mir scheinen lauter Hamster-Käufer zu stehen. Es geht einfach nicht weiter. Da blinkt es plötzlich an einer weiteren Kasse grün, was bedeutet, dass sie öffnet. Ich wechsele hinüber, bin der Zweite, freue mich über so viel Glück und Zeitgewinn. Doch die Kasse wird nicht besetzt. Die Folge dieses „Fehlalarms“: Zurück zum Anfang, doch diesmal als Nummer Dreizehn.

Und neulich an der Tankstelle:  Der Sprit ist um zehn Cent gesunken. Ich stehe an, um die Gunst der Stunde zu nutzen – und das mit fast leerem Tank. Autofahrer um Autofahrer vor mir lassen den kostbaren Super-Stoff in ihren fahrbaren Untersatz fließen – mit einem Lächeln im Gesicht. Ich rechne mir schon aus, was ich sparen kann. Endlich bin ich an der Reihe,. Ich steige aus, gehe zum Tankautomaten – und es macht Klick: 15 Cent mehr!

So geht es weiter in meinem Leben. Mal bin ich zu früh, mal zu spät; mal bin ich zu schnell, mal zu langsam – doch nie bin ich punktgenau. Knapp daneben ist auch vorbei, heißt ein Sprichwort und ich denke, das könnte ich erfunden haben.

Alle anderen sind da besser dran, meine ich. Sie stellen sich an der Kasse an und sind flugs fertig. Sie bekommen beim viel gefragten Facharzt innerhalb von zwei Tagen einen Termin, auf den man sonst Monate warten muss, weil gerade ein anderer Patient abgesagt hat. Sie spielen das erste Mal in ihrem Leben aus einer reinen Laune heraus Lotto und haben gleich einen Fünfer und das noch mit Zusatzzahl. Nur ich warte seit 40 Jahren auf den großen Gewinn.

Der große Gewinner bin ich nicht. Ich bin der Loser der Nation, der Pechvogel. Ich bin Der für das Kleine und nicht für das ganz Große. Wenn ich einmal aufsteige, dann wie ein Ballon, der in einer gewissen Höhe platzt und sich plötzlich als verschrumpelte Hülle auf dem Boden der Tatsachen wiederfindet. Der große Wurf gelingt mir nicht, weil ich kein großer Werfer bin.

Eigentlich hatte ich mich schon abgefunden mit meinem Schicksal, mich ergeben in die Rolle des Letzten, als ich neulich einen Bekannten traf. Der klagte mir: "Stell dir vor, was mir neulich passiert ist .... Und das passiert mir andauernd… Ich bin der Loser der Nation, der Pechvogel…“ Na also, doch mal Glück gehabt. Ich bin gar nicht der Letzte!

 

Manfred Gittel