Aus dem Alltag gegriffen

Durchschnitt

Sie sind es sicher nicht. Ganz sicher nicht. Sie sind kein Durchschnitt!

Denn wer will schon Durchschnitt sein? So etwas mittendrin, in der Masse untergehen. Irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes. Eben Durchschnitt. So ungefähr etwas, das viele sind. Aber doch nicht Sie!

Durchschnittlich 55mal am Tag lügt jeder Mensch. Gehören Sie dazu? Durchschnittlich 1230 Euro gibt jeder von uns im Jahr für Schuhe aus. Gehören Sie dazu? Durchschnittlich haben wir 3,7 Freunde. Gehören Sie dazu? Durchschnittlich 15,12 Tage sind wir krank im Jahr. Gehören Sie dazu? Durchschnittlich 2,1 Personen bewohnen einen Haushalt. Bei Ihnen auch? Durchschnittlich 99 Kilogramm Gemüse und 231 Eier essen wir pro Jahr. Sie auch? Durchschnittlich jede sechste Person ist von Armut bedroht. Sie auch? Durchschnittlich 94 Liter Bier trinken wir und rauchen 921 Zigaretten. (Als Nicht-Trinker und Nicht-Raucher fragt man sich da schon, wer eigentlich diesen Anteil übernimmt…)

Alle diese Beispiele zeigen auf, dass Durchschnitt nichts Gerades, nicht Exaktes ist, sondern eine ungenaue, ungerade, verquere Zahl: 2,1 Personen oder 3,7 Freunde – das gibt es doch gar nicht. Mittelwerte halt, errechnet und geteilt durch. Mittelwert, das klingt so nach Mittelmaß. Nichts Massiges, Fassbares, kein volles Maß, an dem man sich messen könnte, sondern etwas so mittendrin. Durchschnitt halt – mittelmäßiger.

Und das wollen wir doch nicht sein. Alles, nur kein Durchschnitt. Deshalb haben wir auch mehr Freunde als der Durchschnitt, geben mehr Geld für Schuhe aus als das Mittelmaß, essen weniger Gemüse, dafür mehr Eier im Jahr. Wir halten uns nicht an den Durchschnitt, weil wir kein Durchschnitt sind. Wir ragen heraus, strecken den Kopf nach oben: Hallo, hier bin ich! Ich, der aus dem Durchschnitt hervorstößt, der anders ist als die durchschnittliche Masse. Ich, der sich nicht durchschneiden, durchrechnen lässt von Statistik, von Zahlen und Berechnungen, von Plus und Minus; Ich, der sich nicht dividieren und multiplizieren lässt. Ich, das reine Individuum, das weder durchschnittlich krank noch durchschnittlich unehrlich ist. Allenfalls bin ich noch überdurchschnittlich, also mehr als der Durchschnitt. Denn durchschnittlich ist gleich Nichts. Das zeigt sich am Zeichen, mit dem der Begriff Durchschnitt dargestellt wird: eine durchgestrichene Null. Eben nichts Besonderes.

Doch müssen wir immer etwas Besonderes sein? Reicht nicht auch der Durchschnitt? Ein Leben, das nicht wahnsinnig spannend oder total außergewöhnlich oder verrückt ist. Keine spektakulären Erfindungen, kein Weltrekord, kein Held des Alltags, auch kein Marathonläufer sondern ein ganz normaler, durchschnittlicher Spaziergänger mit dem Hang zur Bequemlichkeit; ein Durchschnittsmensch, nicht überdurchschnittlich hässlich oder unterdurchschnittlich fleißig. Ein Leben im Durchschnitt. Aber es ist gut.  Nicht immer mehr, besser, größer, toller, teurer, exklusiver und herausragender. Genug ist besser als zu viel. Es reicht, wenn es reicht.
Durchschnitt ist absolut okay. Zumindest, wenn er glücklich macht.

Manfred Gittel