Aktuelle Predigt

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag ist eine Rede Jesu, sie steht im Johannesevangelium:

37Alles, was mir der Vater gibt, das kommt zu mir; und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. 38Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. 39Das ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern dass ich’s auferwecke am Jüngsten Tage. 40Denn das ist der Wille meines Vaters, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage.

 

Wenn es ginge, würde ich den Tod abschaffen.

Elias Canetti hat das gesagt. Wenn es nach ihm ginge, würde der Tod abgeschafft. Ein verrückter Gedanke. Er gefällt mir. Obwohl ich ja genau wie Canetti weiß, dass es nicht geht.

Auf die Trauer, auf die Verletzung, das Sich-Verlassen-Fühlen, auf den Riss, den der Tod ins Leben bringt, würde ich lieber verzichten. Es tut zu weh.

 

Vielleicht kennen Sie es auch? Wer zurückbleibt, beim Tod eines ihm wichtigen Menschen, quält sich mit Fragen. Kurt Marti, der Dichter, hat einige aufgeschrieben.

„Was soll jetzt ohne ihn werden? Was ist seine Frau ohne ihn? Wer spielt mit den Kindern? Wer hat die neuen Ideen?“ Doch dann fährt er fort: „Dem Herrn, unserem Gott hat ganz und gar nicht gefallen, dass einige von euch dachten, es habe ihm solches gefallen.“

 

Der Tod ist ein Riss, der Gott so gar nicht gefällt.

Dieser Riss teilt die Welt in ein Davor und ein Danach. Wenn der Tod kommt, ragt das Datum eckig heraus aus dem Kalender. Es ist ein Tag, der die Türen schließt für immer und uns töricht und traurig zurücklässt, manchmal in Heulen und Zähneklappern. Und das Davor zu einem Paradies werden lässt, allen Unvollkommenheiten zum Trotz.

 

„Was würde ich darum geben, ihn wieder zu haben!“, sagt eine Witwe. „Auch, wenn sein Leben recht eingeschränkt war, aber er war noch da. Ohne ihn ist nichts mehr wie zuvor.“ Ihre Trauer bewegt sich in Wellen, inzwischen meist nur sanft unter der Oberfläche, doch manchmal bricht sie durch und ergreift sie, ohne dass sie sich schützen kann. Heute wird sie eine Kerze anzünden, im Stillen zuhause, wenn wir in diesem Gottesdienst der Verstorbenen unserer Gemeinde gedenken und ihre Namen nennen.

Ein Sohn sagt: „Als nach dem Vater auch noch die Mutter gestorben war, habe ich mich entsetzlich allein gelassen gefühlt. Und es hat mich der Gedanke gepackt – du bist der nächste. Das hat mich erschreckt bis in alle Knochen.“

 

Gibt es Trost angesichts des Todes? Manche sagen, Sterben gehört zum Leben. Wir kommen alle dran. Der Tod ist der große Gleichmacher. Und wäre der Tod von uns Menschen zu besiegen, dann sicher zuallererst nur für die Reichen. Will ich das?

Manche sagen, der Tod ist natürlich. Auch die Blätter fallen im Herbst. Wenn sie verwesen, wird neue fruchtbare Erde daraus. Ist das ein Trost? Was tröstet Sie?

 

Im Johannesevangelium redet Jesus davon, was nach dem Tod ist. Er redet aber so, dass man merkt: dieser Bereich muss hinter der Schranke von Worten verborgen bleiben. Jesus drückt sich da seltsam umständlich aus. Wenn er mit uns so reden würde, würden wir wohl die Geduld verlieren.

Das Thema ist nicht leicht. Ich denke, Jesus versucht eben behutsam, die Jünger und uns mit diesem unbekannten Land in eine heilsame Verbindung zu bringen. Und dann schreibt Johannes, der Evangelist all das auf, als einer, der um die Auferstehung Jesu schon weiß.

 

Hinter der Schranke von Worten gibt es also einen Lichtblick, Ostern, Morgenglanz der Ewigkeit. Da kommt noch etwas – „over the rainbow“ – es gibt ein Land über dem Regenbogen.

 

Dennoch, es fehlen die Worte, um Gewissheit zu schaffen. Ich werde euch auferwecken verspricht Jesus. Gut.

Nur diese hiesige Welt, die wir ganz anders kennen, nämlich unter dem Zeichen von Endlichkeit, hat keine Denkmuster dafür was da wohl eintritt.

Wie ist das, wenn wir einst dem Tod, der uns mitgenommen hat, wieder aus der Hand gerissen werden? Wie geht das, Jesus?

 

Ich möchte Sie mitnehmen zu dem, was Jesus uns anbieten kann. Jesus hat mehr für uns, mehr als Worte.

Gewiss ist, dass jedes Leben einmal enden muss. Gewiss ist auch, dass wir, die wir hier sind, immer noch unterwegs sind auf der Lebensreise. Sonst wären wir nicht hier.

Und dafür spricht Jesus ein Angebot aus. So höre ich es: Schaut mal, ich möchte euch etwas zeigen. Jesus verzichtet also auf Erklärungen und Beschreibungen, sondern er gibt uns einen Wink.

 

Schaut mal, da ist etwas hinter der Schranke. Jesus stellt ein Wegzeichen auf. Nur für jene Menschen, die aufgebrochen sind in ihr Leben und darin beherzt unterwegs, macht dieses Wegzeichen Sinn.

Nur, wer wirklich unterwegs ist, hält Ausschau nach dem Zeichen, das aus dem ganzen sonstigen Bild einer Landschaft herausragt.

 

Das Zeichen weist auf den Tod. Jesus mutet uns zu, um unseren Tod zu wissen. Und er weiß darum, dass wir nichts wissen, von dem, was der Tod bringt. In unserer Macht steht es ja nicht, nach der Schwelle noch etwas hinzudeichseln, damit der Tod entkräftet wird. Und Jesus fängt uns auf in der Angst vor dem Nichts, das der Tod zu sein scheint.

 

Jesus gibt einen Wink, mehr nicht und auch nicht weniger. Jesus zeigt auf das Offene, bei dem uns alle Sicherheiten verloren gehen. Seine Ansage: Gottes Wille ist, dass nichts verloren geht, kein Leben, das Jesus hält und behütet, wird verlorengehen. Den Menschen, den Jesus im Glauben trägt, wird Gott zu neuem Leben auferwecken.

 

Und ich stelle mir vor, wie Gott all das, was das eigene Leben ausmacht und den Weg, den man gegangen ist, bei sich aufbewahrt; dass Gott dies nicht verloren gehen lässt und diesen Menschen, den ich jetzt so sehr vermisse, in ein unzerstörbares Leben hinein auferweckt.

 

Hauchdünn ist, was den Unterschied macht. Sicher braucht es keinen Schulabschluss und keine Vorweise, kein Himmelsabo, keine Heldentaten und keinen Glauben an noch unentdeckte Naturgesetze. Nichts von dem.

Nichts, nur Vertrauen in diesen Wegweiser.

Jesus zeigt darauf, er zeigt auf sich, er ist selbst dieser Wegweiser. Der Wegweiser hat die Form eines Kreuzes. Schrecklich und gleichzeitig hoffnungsvoll.

Und er hat die Form einer Hand, die dich hält, wenn du fällst.

Und er strahlt die Wärme und Helligkeit von Ostern aus.

Auf den Gräbern und Friedhöfen finden wir diese Symbole, viele Kreuze, aber auch andere Zeichen auf den Grabsteinen.

 

Welchen Wegweiser Gottes haben Sie an Ihrem Weg gefunden? Das Kreuz? Die Hand? Das Licht von Ostern? Einen anderen?

 

Wer sich aufgemacht hat ins eigene Leben, möge neugierig bleiben und darauf achten, ob der persönliche Wegweiser die eigenen Schritte vertrauensvoller macht.

Wer sich aufgemacht hat, möge auch nach Wegbegleitern Ausschau halten und so oft es geht, gemeinsam mit anderen den Weg des Vertrauens laufen. Hier in unserer Gemeinde oder in anderen Gemeinschaften, die bereit sind, einander zu begleiten.

Wer sich aufgemacht hat, aber steckengeblieben ist in der Trauer über eigenes Versagen, möge sich an Petrus erinnern, der nach seinem Versagen doch wieder losging, hin zu Jesus.

Wer sich noch nicht aufgemacht hat, und danach suchen möchte, wie sich Jesus auf dem Weg zeigen könnte, möge sich ein Herz fassen zum ersten Schritt.

 

Und der Friede Gottes,

der höher ist als alle Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne

in Christus Jesus. Amen.

 

Pfarrerin Dr. Tatjana K. Schnütgen, Erlöserkirche Bad Wörishofen

20. November 2022. Ewigkeitssonntag